Der heutige Weltnormentag steht unter dem Motto “SHARED VISION FOR A BETTER WORLD” – eine Welt, die stärker denn je vom Klimawandel bedroht ist. Um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, ist für viele Unternehmen eine umfassende Transformation unvermeidbar – insbesondere in der ressourcenintensiven Bauwirtschaft mit hohen CO2-Emissionen. Im Interview spricht Dr. Reiner Härdtl, Leiter des Teams Normen, Patente, Information & Dokumentation im Global R&D Department von Heidelberg Materials, über Herausforderungen und die Bedeutung von Normen und Standards für den Klimaschutz.

Angesichts der Klimakrise befindet sich Deutschland am Beginn eines umfassenden Transformationsprozesses hin zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft. Nahezu jede Branche wird davon betroffen sein. Wie sieht die Transformation in der Bauwirtschaft und speziell in der Zement- und Betonindustrie aus?

Eine entscheidende Herausforderung für uns als Baustoffhersteller sind die direkten CO2-Emissionen, die bei der Produktion von Zement – dem “Kleber” im Beton – während der Klinkerproduktion im Zementofen entstehen. Vor allem geht es um jene zwei Drittel an rohstoffbedingen Prozessemissionen, die bislang technologisch unvermeidbar sind. Auf strategischer Ebene setzen wir bei Heidelberg Materials deshalb auf die Senkung des Klinkeranteils im Zement, die Einführung immer CO2-ärmerer Zemente und Betone, einen schnell zunehmenden Einsatz recycelter Materialien sowie auf neue Technologien wie den 3D-Betondruck. Daneben ist auch die Abscheidung und Nutzung oder Speicherung von CO2 ein entscheidendes Element unserer Klimastrategie und unerlässlich, um für unseren Sektor CO2-Neutralität zu erreichen.

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Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselindustrie und gleichzeitig sehr ressourcenintensiv. Der Ansatz der Kreislaufwirtschaft entkoppelt das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch und setzt darauf, Materialien so lange wie möglich im Kreislauf zu führen und wiederzuverwerten. Welche Rolle spielt Circular Economy im Bausektor und konkret in der Zement- und Betonindustrie?

Eine sehr wesentliche. Zirkularität ist ein Kernelement unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Erst im Mai dieses Jahres haben wir uns neue, ambitionierte Ziele gesetzt und wollen bis 2030 zirkuläre Alternativen für die Hälfte unserer Betonprodukte anbieten. Die Chancen, die sich unserer Industrie durch Innovation in diesem Bereich bieten, sind riesig: Neue Recyclingtechniken erlauben es uns, beim Abbruchbeton den Materialkreislauf von Sand, Zuschlagstoffen und dem sogenannten Zementstein zu schließen. Darüber hinaus kann der Zementstein – also der erhärtete Zement – CO2 aufnehmen, dauerhaft binden und somit als CO2-Senke fungieren.

Zahlreiche Unternehmen haben es sich zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden. Heidelberg Materials möchte im Jahr 2050 CO2-neutral sein. Zement klimaneutral herzustellen, ist eine Herausforderung, der Hebel für CO2-Einsparungen aber riesig. Was bedeutet das für Sie als Hersteller von Baustoffen und -lösungen sowie für Ihre Kunden und Zulieferer? Wie messen Sie Ihre Fortschritte?

Nachhaltige Produkte werden, davon sind wir überzeugt, zu einem Gamechanger für profitables Wachstum. Die ganze Wertschöpfungskette Bau ist hier gefragt, neu zu denken und zu handeln. “Grüne Leitmärkte” spielen eine wichtige Rolle. Wir haben für alle unsere Standorte weltweit passgenaue CO2-Roadmaps mit konkreten Maßnahmen auf Werks- und Produktebene erarbeitet. Den aktuellen Stand bei der Zielerreichung haben wir dabei immer im Blick. Wir kommunizieren ihn transparent in unserem Nachhaltigkeitsreporting, das wir ständig ausbauen. Daneben setzen wir auf die externe Validierung unserer Klimaziele und unserer Nachhaltigkeits-Performance durch unabhängige Partner wie die Science-Based Targets Initiative und verschiedene ESG-Ratingagenturen.

Sie deuteten es an: Um einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten zu können, muss das Bauwesen nachhaltiger, innovativer und digitaler werden. Wie können Normen und Standards aus Ihrer Sicht hier unterstützen?

Wir befinden uns bereits mitten in der Transformation. Die Vermarktung nachhaltiger, klimafreundlicher Produkte und der Dialog mit den Kunden und der gesamten Wertschöpfungskette ist in vollem Gange. Normen und Standards bilden einen wichtigen Rahmen für die breite Einführung innovativer Bauprodukte mit verbesserter CO2-Bilanz. Daher plädieren wir auch für eine rasche Lösung beim europäischen Rückstau von harmonisierten EU-Normen, unter anderem im Rahmen der Revision der Bauprodukteverordnung.

Im Rahmen der grünen Transformation werden neue Technologien und Geschäftsmodelle entwickelt und neue Märkte entstehen. Wie können Normen und Standards diese Entwicklung begleiten und unterstützen?

Im Baubereich reflektieren Normen den anerkannten Stand der Technik. Darüber hinaus sind viele Normen eng mit den formalen Vorgaben zur Sicherstellung der Bauwerkssicherheit und den damit verbundenen gesetzlichen Rahmenbedingungen verknüpft. Normen erhalten dadurch einen hohen Grad an Verbindlichkeit für alle am Bau Beteiligten. Die Aufnahme von Innovationen in das Normenwerk ist daher eine ganz maßgebliche Voraussetzung für die Anwendung und Etablierung neuer Technologien. Deutschland ist gut beraten, in die Bearbeitung der neuen Themen zu investieren, denn mit Normung werden Märkte gemacht, sie sind ein strategischer Faktor im weltweiten Wettbewerb.

In welchem Bereich sehen Sie den größten Nutzen von Normen und Standards? Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, wo genau das gut funktioniert?

Die europäische Zementnorm EN 197-1 definiert neben klassischen Portlandzementen mit mehr als 95 % Klinker eine große Bandbreite an Zementen mit reduzierten Klinkergehalten. Die derzeitig gültige Fassung beschreibt 26 verschiedene Zementarten, die unterschiedliche Optionen der Klinkersubstitution durch alternative Stoffe wie z. B. granulierte Hochofenschlacke oder Flugaschen definieren. Diese Norm hat sich weltweit etabliert und ist Muster für zahlreiche nationale Zementnormen auf allen Kontinenten.

Welche konkreten Normen werden bei Heidelberg Materials angewendet, die aus Ihrer Sicht einen direkten Nutzen für den Klimaschutz haben?

Ein besonderes Augenmerk liegt auf Normen für Zemente, die eine weitere Reduzierung der Klinkergehalte ermöglichen. Die 2021 veröffentlichte Norm EN 197-5 definiert ergänzend zur bestehenden Zementnorm weitere Zementarten, die eine höhere Flexibilität in der Klinkersubstitution ermöglichen. Derzeit in Arbeit ist eine weitere Zementnorm, die erstmals die Verwendung von recyclierten Betonanteilen als Zementhauptbestandteil definieren soll. Mit der Veröffentlichung (als EN 197-6) ist im Laufe des Jahres 2023 zu rechnen.

Der heutige Weltnormentag steht unter dem Motto “SHARED VISION FOR A BETTER WORLD”. Was ist Ihre persönliche Vision für die Zukunft der Zement- und Betonindustrie?

Bei Heidelberg Materials glauben wir fest daran, dass die Bauwirtschaft der Zukunft CO2-neutral sein wird. Daher ist die Frage, wie schnell wir selbst mit unseren Produkten CO2-neutral werden können, keine Nachhaltigkeitskosmetik, sondern fundamental wichtig. Überall, an jedem Standort, und in jedem Markt.

Zur Person

Der Bauingenieur Dr.-Ing. Reiner Härdtl ist Leiter des Teams Normen, Patente, Information & Dokumentation im Global R&D Department von Heidelberg Materials. Zu seiner Aufgabe gehört die konzerninterne Koordination der baustofftechnologischen Normungsaktivitäten. Er verfügt über langjährige Erfahrungen in der Normungsarbeit und ist u.a. seit 1993 Mitglied in zahlreichen DIN- und CEN-Normungsgremien in den Bereichen Zement, Beton, Sand & Kies.

Weltnormentag 2022: Interviews zum Thema Klimaschutz und Normung

Die internationalen Normungsorganisationen und ihre nationalen Mitglieder feiern am 14. Oktober den Weltnormentag und verdeutlichen damit die Wichtigkeit von Normen und Standards. Der Weltnormentag 2022 steht unter dem Motto “SHARED VISION FOR A BETTER WORLD” und stellt den Nutzen der Normung für die Erreichung der Sustainable Development Goals – und hier insbesondere den Klimaschutz – in den Mittelpunkt. Mit einer Reihe von Interviews mit interessanten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik möchten die drei Regelsetzer DIN, DKE und VDI am Weltnormentag gemeinsam das Scheinwerferlicht auf die vor Wirtschaft und Gesellschaft liegenden Aufgaben im Kampf gegen den Klimawandel richten. Mit unseren Gesprächspartner*innen sprechen wir über die Herausforderungen ihrer Branchen, die Chancen der grünen Transformation und diskutieren Lösungen – wie zum Beispiel Normen und Standards.

Quelle: DIN Deutsches Institut für Normung e. V. (sw)

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